Risikomerkmal

Automatisierungsgrad

Von Experten geprüft Aktualisiert: 2026-09-03 Fachlich geprüft: 2026-09-04 (Guido Hesse, Hesse Group Holding AG) Version 0.1.0

Der Automatisierungsgrad erfasst, in welchem Ausmass die Prozesse eines Standorts durch manuelle Arbeit, teilautomatisierte Anlagen oder vollautomatisierte, vernetzte Systeme gesteuert werden, was sowohl das Sachschadenpotenzial als auch die Cyber-physische Exponierung prägt.

Kategorie
Betrieb
Datentyp
Auswahl
Risikotreiber
Schadenhöhe, Schadenhäufigkeit, Kumul
Wirkung auf Underwriting
Prämie, Auflage/Obliegenheit, Ausschluss

Typische Antragsfragen

  • Sind die Kernproduktionsprozesse manuell, teilautomatisiert oder vollautomatisiert?
  • Sind automatisierte Systeme und industrielle Steuerungssysteme (ICS/SCADA) mit dem Unternehmensnetzwerk oder dem Internet verbunden?
  • Welche manuellen Rückfall- oder Übersteuerungsverfahren bestehen, falls das automatisierte System ausfällt oder kompromittiert wird?

Nachweise

  • Prozessflussdiagramm
  • IT/OT-Netzwerkarchitekturdiagramm
  • Risk-Engineering-Bericht

Warum relevant für das Underwriting

Der Automatisierungsgrad prägt das Risiko in zwei Richtungen gleichzeitig. Stark automatisierte Prozesse reduzieren menschliche Fehler und können Konsistenz und Qualität verbessern, was gewisse Haftpflicht- und Sachschadenhäufigkeiten senkt, sie konzentrieren die Exponierung jedoch auch auf weniger, dafür komplexere Steuerungspunkte: Ein einzelner Steuerungssystemfehler, Sensorausfall oder eine böswillige Cyber-Intrusion kann heute eine ganze Linie stilllegen, die unter manueller Steuerung früher weitergelaufen wäre. Underwriter müssen verstehen, wo sich ein Standort im Automatisierungsspektrum befindet, um sowohl das klassische Sach-/Betriebsunterbrechungsrisiko als auch das Ausmass zu beurteilen, in dem sich Cybervorfälle in physische Schäden übersetzen können.

Erfassung und Nachweise

Antragsformulare fragen, ob die Kernprozesse manuell, teilautomatisiert oder vollautomatisiert sind, ob industrielle Steuerungssysteme (ICS/SCADA) mit dem Unternehmensnetzwerk oder dem Internet verbunden sind und welche manuelle Übersteuerungs- oder Rückfallmöglichkeit bei einem Ausfall der Automatisierung besteht. Underwriter prüfen Prozessflussdiagramme, die Dokumentation der IT/OT-Netzwerkarchitektur und, bei Standorten mit höherem Gefahrenpotenzial oder starker Vernetzung, einen dedizierten Risk-Engineering-Bericht, der sowohl physische Schutzmassnahmen als auch die Cyber-physische Segmentierung abdeckt.

Wirkung auf Deckung, Prämie und Bedingungen

Automatisierte Standorte mit gut segmentierten, ordnungsgemäss gepatchten Steuerungssystemen und glaubwürdigen manuellen Rückfallverfahren werden in der Sachversicherung in der Regel günstig beurteilt, während stark vernetzte, schlecht segmentierte Betriebstechnologie zu Bedingungen in der Cyberpolice, Sublimiten für Rückwirkungsschäden aus einem Cybervorfall oder zu Ausschlüssen führen kann, die eine separate, ausdrückliche Cyberdeckung erfordern. Standorte ohne jegliche manuelle Rückfallmöglichkeit für kritische automatisierte Prozesse können vor Vertragsabschluss mit Auflagen zu Redundanz oder zusätzlichen Risk-Engineering-Empfehlungen konfrontiert werden.

Massnahmen

Versicherer und Risk Engineers empfehlen üblicherweise eine Netzwerksegmentierung zwischen IT und Betriebstechnologie (OT), aufrechterhaltene manuelle Übersteuerungsverfahren für kritische automatisierte Prozesse, regelmässiges Patching und Schwachstellenmanagement für Steuerungssysteme sowie periodische Tests der Rückfallverfahren, um deren praktische Funktionsfähigkeit zu bestätigen.

Normen und Regelwerke

  • ISO 31000:2018 – Risk management, Guidelines